Auf Instagram werden jeden Tag Millionen von Bildern hochgeladen. Ich habe gelesen, dass die durchschnittliche Betrachtungszeit eines Bildes bei 0,4 Sekunden liegt.
Instagram macht mir seit Langem keinen Spaß mehr, es deprimiert mich mittlerweile eher, als dass es mir Freude bereitet. Trotzdem kann ich mich nicht davon lösen. Ich habe die Fähigkeit verloren, mich auf dem Handy auf ein einzelnes Bild zu konzentrieren. Wenn ich Instagram-Storys anschaue, verspüre ich einen großen Drang, so schnell wie möglich weiterzuskippen, und gleichzeitig die Angst, dabei ja nichts zu verpassen. Genau dieser Widerspruch, keine Lust mehr zu haben und trotzdem ständig dranbleiben zu müssen, beschreibt mein Verhältnis zu Instagram inzwischen ziemlich genau. Fotografie wird auf dem Handy zum Wegwerfprodukt. Dabei ist es völlig irrelevant, ob mich der Inhalt interessiert oder nicht, ob mir ein Bild und sein Stil gefällt oder eben nicht. Fünf Minuten später kann ich mich ohnehin kaum noch daran erinnern. Es gibt Ausnahmen, aber es sind sehr wenige. Quantität generiert Reichweite, Qualität nicht.
Ich würde diese Entwicklung als Foto-Tinder bezeichnen, zumindest kommt sie dem sehr nahe. Inhalte verschwimmen zur Gleichgültigkeit. Ich schaffe es selbst nicht mehr, Bildern die Aufmerksamkeit zu schenken, von denen ich eigentlich finde, dass sie diese verdient hätten. Und wenn ich es nicht schaffe, wie kann ich dann von anderen erwarten, dass sie meinen Bildern Aufmerksamkeit und damit einen gewissen Wert schenken? Das reflektiere ich durchaus auch bei meinen eigenen Bildern, denn der Algorithmus benachteiligt genau die Bilder, die mir selbst am meisten bedeuten, meine Favoriten, weil sie zum Beispiel ruhig und kontrastarm sind und dadurch wenig Aufmerksamkeit generieren.
Seit Beginn habe ich eine Diskrepanz mit Social Media: Wer dort erfolgreich sein will, muss um Aufmerksamkeit buhlen. Und das wollte ich noch nie. Ich habe mir schließlich eine Kamera gekauft, damit ich dahinter stehen kann und nicht davor im Rampenlicht stehen muss. Aufmerksamkeit ist zwar nicht alles, aber jeder genießt Lob und Anerkennung, besonders im Vergleich, etwa mit der eigenen Reichweite aus der Vergangenheit.
Instagram hat in der Fotobubble der People-Fotografie ein undurchdringliches Monopol. Andere Portale wie die Fotocommunity, die App „Foto" oder die Model-Kartei bieten nicht annähernd die Möglichkeiten zur Vernetzung, die Instagram bietet. Auf ihnen sind teils ganz andere Interessen vertreten, oder sie eignen sich schlicht nicht für die Art von Vernetzung, die ich suche. Komische Gestalten gibt es zwar auch auf Instagram, aber davon bekommt man deutlich weniger mit als beispielsweise auf der Model-Kartei. Ein Verzicht ist für mich dennoch nicht möglich, denn ohne Social Media wird man nicht wahrgenommen und findet so auch keine Models.
Wenn ich mir die auf meiner Explore-Page vorgeschlagenen Beiträge ansehe, kann ich nicht nachvollziehen, warum viele Beiträge nicht nur nicht zensiert, sondern mir sogar noch vorgeschlagen werden. Zum Teil werden Reels vorgeschlagen, bei denen man neben Nippeln auch detailliert den Intimbereich sehen kann. Zwar ist dieser transparent durch einen Hauch von Stoff bedeckt, aber klar sichtbar. Auch wenn ich diesem Beispiel nicht allzu viel sexuelle Aufladung zusprechen würde, ärgert mich die Ungleichbehandlung.
Wenn ich selbst Bilder veröffentliche, sieht das ganz anders aus. Selbst kleine Schritte wie das Anpassen des Formats oder das Hinzufügen von Rändern fallen mir schwer, von der Überwindung, die mich das Veröffentlichen selbst kostet, ganz zu schweigen. Und wenn ich mich dann endlich überwunden habe, muss ich feststellen: Selbst Bilder, auf denen man eigentlich nichts sieht, werden zensiert. Kein Intimbereich, keine sexuellen Handlungen, keine Nippel, und trotzdem wird eingeschränkt. Zu guter Letzt werden dann auch noch alte Beiträge, die seit Monaten kein Problem waren, plötzlich als problematisch gekennzeichnet. Diese Mischung aus Willkür und Überwindung lässt mich oft eher scrollen als posten. Ich verliere mich im Doomscrolling, scrolle mich blöd durch Reels und anderen zeitverschwendenden Content, Hauptsache, ich muss mich nicht selbst der Bewertung stellen. Inhalte ohne Prokrastination zu veröffentlichen ist für mich nicht mehr möglich.


Da stellt sich mir die Frage: Sind Bilder zu schade für Instagram? Die Wertschätzung, die ich selbst den Bildern auf Instagram entgegenbringen kann, ist geringer, als es mir lieb ist. Aus dieser Perspektive heraus kann ich keine Bilder mit Freude auf Instagram teilen. Ich bin voller Zweifel: Habe ich die richtige Zeit erwischt? Was hätte ich beim Veröffentlichen besser machen müssen, damit das Bild den Zuspruch bekommt, den es meiner Meinung nach verdient hat?
Das Brot der anderen schaut immer aus wie Kuchen. Durch Instagram habe ich Wertschätzung verlernt, ein großer Grund, weshalb ich meine Bilder gerne ausdrucke und auch die Bilder anderer lieber ausgedruckt betrachte. Die Trennung vom Medium Handy spielt dabei für mich eine große Rolle.
Vielleicht muss man sich vom Feedback der anderen etwas lösen und unabhängiger werden. Ganz einfach ist das nicht, denn ein Distanzieren vom Feedback anderer hat ja auch immer ein wenig mit Distanz zu anderen Menschen zu tun, was dem Grundgedanken der Vernetzung eigentlich widerspricht. Vielleicht ist genau das aber die Antwort: statt auf Reichweite zu schielen, wieder öfter hinter der Kamera zu stehen, und mich weniger davon abhängig zu machen, ob mir am Ende jemand applaudiert. Dabei würde ich nie behaupten, dass mir dieser Applaus tatsächlich wichtig gewesen wäre. Damit mir das gelingen kann, muss ich erstmal meine Phase der Prokrastination durchbrechen. Ein Teufelskreis.